Rosenumranktes Fachwerk und weite Wiesen
Die schwarze Wand am Horizont kommt immer schneller näher. Gerade eben war sie noch weit weg über der Elbe, jetzt bläst mir schon der Gewittersturm entgegen. Blätter und Äste wirbeln durch die Luft, und was eben noch ein warmer Sommerabend war, ist plötzlich das reinste Donnerwetter.
Nachdem mein Selbstbewusstsein bei der ersten Radtour seit 15 Jahren so einen enormen Schub bekommen hat, habe ich mich in einem Wust von Karten vertieft. Schließlich ist die Gegend geradezu traumhaft zum Radeln geeignet und deshalb mache ich mich heute auf die Suche nach verträumten Bauerndörfern. Startpunkt ist auch diesmal das Elbschloss in Bleckede. Durch die letzte Tour schlau geworden, befindet sich in meinem Korb diesmal außer der Wasserflasche und den Karten auch eine helle Sonnenbrille, die die Fliegen aus den Augen fernhalten soll.

Los geht’s also linksrum Richtung Radegast über den Deich. Nur ein kleines Stück Straße muss ich mir mit den Autos teilen, bevor ich nach rechts zum Staatswald Vitico einbiege. „Eine der letzten großen Brutkolonien der Graureiher“, klärt mich ein buntes Schild auf. Gespannt lege ich mich ins Zeug. Doch was mich da erwartet, ist ein großer eingezäunter Wald. Enttäuscht fahre ich weiter. Klar, die angekündigten Stieleichen und Hainbuchen kann ich erkennen, sie sehen zum Teil uralt aus. Ab und zu glitzert eine Wasserfläche durch das Grün.
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Schneller als ich dachte, komme ich nach Radegast. Ein geschnitztes Schild begrüßt mich am Ende des Deichweges und etwas weiter hinten sehe ich einen Kirchturm. Das muss ich mir doch näher ansehen, denn wer hätte in so einem kleinem Dorf schon eine Kirche vermutet? „Zum Kirchplatz“ heißt die Straße, in die ich einbiege und eine Ansicht wie aus einem alten deutschen Spielfilm bietet sich mir. In der Mitte steht stolz die kleine Kirche aus dem Jahre 1452 und rundherum verträumte alte Bauernhäuser, dicht mit Rosen umrankt und hinter alten Bäumen versteckt.

Nach diesem kleinen Ausflug ins Dorf geht’s weiter Richtung Garlstorf. Im vorbeifahren sehe ich noch die riesige alte Rotbuche, die Radegast, wohl mehr als ein Jahrhundert erlebt hat. Die Strecke lässt sich wie im Schlaf fahren: Immer mal wieder geht eine kleine Anhöhe den Deich herauf, dann wieder abwärts. Kaum anstrengend, dafür aber meilenweite Aussicht über das Elbtal und den Fluss.
Apropos Aussicht: Da hinten kommt ein Gewitter. Skeptisch schätze ich den Himmel ab – ach was, das wird schon noch reichen. Doch das Wetter ist schneller, als ich dachte. Nur Minuten später kommt der Wind auf und ich weiß, dass ich mich jetzt wirklich beeilen muss. Ein kleines Schild weist mich auf das Gasthaus „Grünen Deich“ in Wendewisch hin und ich biege ab. Die ersten Tropfen fallen, als ich in den Hof fahre. Das Lokal liegt direkt neben einem Campingplatz und auf dem Dach hat sich ein Storch eingenistet. Dem schenke ich jetzt allerdings kaum einen Blick.
„Wir haben hier eine gute rustikale Küche“, erklärt mir Pächterin. „Nichts verschnörkeltes. Matjes, Bauernfrühstück -eben das was Radfahrer so brauchen, schnell und gut.“ Wer es sich auf dem Campingplatz gemütlich machen will, kann abends im „Grünen Deich“ auch Kegeln. Das will ich aber heute nicht und weil das Gewitter sich gerade rechtzeitig verzogen hat, radele ich weiter. Jetzt geht’s ins Inland - sozusagen. Über Vogelsang, wo sich idyllische Katen und robuste Scheunen aneinanderreihen, komme ich schließlich nach Karze. Das letzte Stück musste ich auf der Straße fahren. Im „Landgasthof Wolter“ mache ich erst mal Pause. „Wir bieten deutsch-französische Küche“, berichtet mir Torsten Twardzik, während ich auf der Terrasse sitze und mein Wasser trinke. Aber auch feiern kann man hier gut: „Wir haben einen klimatisierten Festsaal für 170 Personen mit der neuesten Bühnentechnik.“
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Frisch gestärkt mache ich mich wieder auf den Weg. „Kreisstraße und direkt oder lieber kleine Wege und durch die Dörfer?“ frage ich mich und inspiziere die Karte. Die Dörfer, entscheide ich, fahre ein Stückchen durch Karze zurück und biege nach Vogelsang ein. In den windgeschützten zugewachsenen Straßen steht die Luft - da hilft auch kein Gewitter, doch schon bald kommen wieder freie Felder. Vogelsang entpuppt sich ebenfalls ein verträumtes Dorf.

Von Vogelsang muss ich noch mal kurz über die Kreisstraße, dann kann ich wieder gemütlich Richtung Rosenthal radeln. Auch hier nichts als weite Felder, Wiesen und Vögel. Was allerdings fehlt, sind eindeutige Hinweisschilder. Wo sie am Deich geradezu inflationär auftauchen, herrscht hier totale Ebbe. Einige Male muss ich anhalten, um meine Karten zu befragen, aber dann lande ich doch dort wo ich hin wollte: Kurz vor dem zweiten Moorweg an der Straße zwischen Neetze und Karze.
Hier gibt’s wieder Schilder - nicht nur für die Strecke sondern auch für Eier, und andere Dinge frisch vom Hof. Mit Blick auf meinen Fahrradkorb verzichte ich lieber. Links von mir liegen Wochenendhäuser - oder zumindest sehen sie so aus. Hier treffe ich auch viele andere Radler. Die meisten von ihnen sehen aber deutlich besser ausgerüstet aus, bemerke ich. Packtaschen und Zeltrollen verraten die Radurlauber. Nur wenige Minuten später kann ich schon die Häuser von Bleckede sehen, nur noch einmal links abbiegen und durch die City - hier kenne ich mich ja jetzt prima aus - und schon bin ich wieder am Schloss. Jetzt aber ab nach Hause und Karten studieren. Wer weiß, wo ich das nächste Mal lande?