Rad- und Wanderwege im ehemaligem Grenzgebiet
Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und ein leichtes Lüftchen weht. Ideal zum Radfahren, denke ich und beäuge skeptisch meinen alten Drahtesel. Heute will ich mir die Elbe zwischen Bleckede und Darchau ansehen – auf beiden Seiten. Ein Blick in diverse Karten belehrt mich, dass ich runde 33 Kilometer vor mir habe.
Das Elbschloss aus dem Jahre 1600 in Bleckede ist mein Startpunkt. In dem Museum, das so ganz und gar nicht verstaubt und langweilig ist, sehe ich mir an, was mich an Landschaft und Sehenswürdigkeiten erwartet. Der Rundweg durch die hellen Räume zeigt mir die Elbtalaue im Wandel der Jahreszeiten.
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Über mir rauscht der Wind und die unterschiedlichsten Vogelstimmen aus den versteckten Lautsprechern. Überall laden Konsolen und Tischchen dazu ein, sich die Ausstellungsstücke einmal aus völlig anderer Sicht anzusehen.

„Die Vogelwelt ist unser Leitfaden“, erklärt mir Andrea Schmidt, Bereichsleiterin Umweltinformation, die das Museum betreut. Kleine in den Schauwänden eingelassene Bildschirme zeigen Filme zu Tieren und Pflanzen, Spiele warten auf Kinder und Erwachsenenhände und an einigen Stellen sieht man Kopfhörer hängen.
Nichtsahnend setze ich mir einen auf und sehe mich plötzlich in ein Kinderhörspiel versetzt.
Nur höchst ungern reiße ich mich von der Ausstellung los – ich habe schließlich noch einige Kilometer auf dem Rad vor mir. Aber in den Shop des Museums werfe ich doch noch einen Blick: Bei den Plüschstörchen wäre ich auch beinahe schwach geworden, aber wo soll ich den unterwegs lassen? „Ich komme wieder“, denke ich mir und will gehen. Doch anscheinend habe ich die Tür verwechselt: Die Museumsräume gehen nahtlos in das „Café Fritz“ über, wo man in den restaurierten Räumen des Schlosses Kaffee und Kuchen genießen kann. Auch im Schlosshof stehen Tischchen im Schatten des alten Gemäuers und fast kann ich mir vorstellen, dass gleich ein Burgfräulein um die Ecke kommt.
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Durch den Schlosspark radel ich Richtung Stadt. Hinter den historischen Fassaden der alten Fachwerkhäuser verstecken sich viele kleine Einzelhandelsläden, die zum Bummeln verlocken. Schneller, als ich denke, bin ich aus der Stadt heraus und biege in die Elbuferstraße ein. Hier gibt’s dann auch wieder einen Radweg und beinahe hätte ich den Linksabbieger in Alt Wendischthun verpasst. Ein Blick auf meine beiden Karten zeigt mir, dass ich nicht geradeaus muss, obwohl das grüne Radweghinweisschild das behauptet. Überhaupt stellt sich im Verlauf der Strecke heraus, dass Karten außer meiner zwei-Liter-Flasche Mineralwasser das Wichtigste überhaupt sind, denn die Ausschilderung ist oft verwirrend oder fehlt ganz.
Fünf Minuten später interessiert mich die Karte nicht mehr: Im Handumdrehen bin ich mitten im Grünen. Da ist nichts außer mir und massenweise Natur. Den ersten Storch bestaune ich noch mit offenen Augen, doch je weiter ich komme, desto öfter begegnet mir Meister Adebar. Und zwar über die gesamte Strecke, in fast jedem Dorf. Nach zehn Minuten lasse ich das Naturschutzgebiet hinter mir und tauche in Alt Garge wieder auf. Hier stolper ich plötzlich über eine dreigleisige Bahnanlage, die schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb scheint. „Jo, das sind man die Gleise von dem alten Kraftwerk im Krieg, hier“, klärt mich ein hilfsbereiter Einheimischer auf. Kraftwerk, denke ich, hier? „Wurde im zweiten Weltkrieg mit Zwangsarbeitern gebaut und hat jahrelang Hamburg versorgt“, so der Mann. „Die Gleisanlagen brauchte man für die Kohle.“ Erst 1988 sei das Werk abgerissen worden.

Auf dem Weg nach Walmsburg treffe noch überall auf Spuren der alten Anlage. Ein komisches Gefühl beschleicht mich angesichts dieser zweifelhaften Zeitzeugen, bis ich durch einen kleinen Berg abgelenkt werde. Jetzt muss ich mich doch tatsächlich richtig ins Zeug legen. Geesthänge, belehrt mich die Karte. „Ein für die Landschaft imposanter Höhenunterschied“, so die Karte weiter. Das kann ich nur bestätigen. Aber nach bergauf kommt immer bergab und die letzten paar Kilometer durch das Waldgebiet flitze ich abwärts nach Walmsburg. Hier habe ich mir erst einmal einen Kaffee verdient, finde ich und parke vor dem „Café Michelshof“ (Fr.- So. und feiertags, 14-18 Uhr), einem alten Bauernhaus mit einem romantischen Kaffeegarten und riesiger Diele.
Selbstgebackener Kuchen, riesige Käse- und Schinkenbrote und Eis stehen auf der Karte. „Wir richten auch Feierlichkeiten aus“, erzählt mir Andrea Michels. „Und wir haben regelmäßig Veranstaltungen, wie etwas das Kartoffel- oder das Backfest, oder auch mal einen bayerischen Abend mit Musik.“
Gut gestärkt radel ich weiter nach Katemin. Von Katemin ist es nicht mehr weit bis zur Fähre nach Neu Darchau. Ein paar seltsam gemauerte Säulen ziehen meinen Blick an. Hier beginnt die Ausstellung zur DDR-Geschichte, die sich auf der anderen Seite fortsetzt. Bilder und Erklärungen, Kunst und Geschichte. Die Mitte der Elbe war die Grenze zwischen der damaligen DDR und der Bundesrepublik. Kaum vorstellbar, wenn man heute die weiß/blaue Fähre eifrig hin - und herfahren sieht.

Doch während ich mir den Fahrwind auf dem Wasser um die Nase wehen lasse, fällt mein Blick auf einen alten Wachturm. „Zehn Meter freies Sicht- und Schussfeld“, hieß es damals. Der Rundweg, der hier am östlichen Elbufer verläuft, und die Ausstellung „Grenzgänge“ gehören zum Expo-2000-Projekt „Flusslandschaft Elbe - Wendepunkte Lüneburg“.
Doch vorher mache ich schnell noch einen Kaffee-Stopp im Café von Rautenkranz in Darchau (tägl. 14- 18 Uhr). Ob auf der Terrasse oder in der stilechten Stube, hier kann man sein Nachmittagspäuschen im Schatten des Deiches gut genießen. Die Sammlung alter Kaffee-Kannen deuten schon darauf hin, dass die Familie von Rautenkranz das Antike liebt. In der alten Scheune im Hof stehen etliche alte Ackergerätschaften. Auch hier gibt es Veranstaltungen - vor allen Dingen musikalischer Art: „Traditionell ist bei uns schon das Sommersingen unter dem Motto Chöre zwischen Ost und West“, erzählt Wirtin von Rautenkranz.
So gestärkt mache ich mich auf den Rückweg. 16 Kilometer liegen noch vor mir, und zwar fast ausschließlich durch das Naturschutzgebiet entlang der Elbe. Meter um Meter ursprüngliche Landschaft, die keine sogenannten Modernisierungspläne überrollt haben. Dazwischen immer wieder Ausstellungstafeln über die DDR-Geschichte. Rechterhand taucht wie aus dem Nichts ein Kirchengebäude ohne Turm auf, die Konauer Kapelle. Sie wurde 1954 gebaut, obwohl seit 1952 der Sperrstreifen zur Elbe existierte.

Die Dörfer Konau und Popelau, die sich mit ihrer Kapelle gegen die damalige Regierung durchsetzten, sind noch in anderer Hinsicht etwas Besonderes: Sie bilden das einzige vollständig erhaltene Marschhufendorf Deutschlands. Eigentlich ist das schon alleine einen Ausflug wert. Denn selbst wer nichts von Ständerbauweisen und Walmdächern versteht, genießt den Anblick der historischen Fachwerkhäuser, die unter dichten Bäumen vor sich hin träumen.
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Erst in Stiepelse stoße ich wieder auf nenneswerte Bebauung. Bis dahin ist nichts als Wiesen, Kühe, massenweise Vögel, die sich auf den Sitzstangen am Deich ausruhen und etliche Tümpel in den Elbwiesen. Stiepelse ist berühmt für seine Störche und seine Radlerfreundlichkeit. Im „Strandhaus“ (Mo. Ruhetag) gönne ich mir erst einmal eine große Apfelschorle. Der Wirt, Jürgen Kähler, interpretiert seinen Werbeslogan „Erlebnisgastronomie“ auf eine ganz eigene Art und Weise. Während die Kinder draußen mit Hunden, Katzen, Küken und dem Strauß spielen, tummeln sich die Erwachsenen im Garten oder in der Kneipe, wo sich ein buntes Durcheinander an Mitbringseln angesammelt hat. „Das haben uns unsere Gäste mitgebracht“, sagt Jürgen Kähler. Im Vordergrund stehen jedoch alle möglichen Musikinstrumente, die auch von den Gäste ausgiebig genutzt werden.
Wer es in Stiepelse lieber etwas beschaulicher mag, kehrt im „Café Wiesenhof“ ein. Hier versorgt Edith Vogt ihre Gäste mit hausgemachten Torten und Kaffee. Für Nicht-Einheimische ist die Karte rund um Ei und Kartoffel zweisprachig: platt- und hochdeutsch. Wer im Café Wiesenhof Kuchen bestellt, sollte aber besser richtig Hunger haben: Die Tortenstücke sind riesig.
Jetzt bin ich eigentlich schon im Endspurt. Ich will mir nur noch das Fahrradhotel „Alte Schule“ in Neu Wendischthun ansehen. Mitten im Nichts auf dem Deich steht ein gelbes Radlerschild: „Kaffee, Kuchen, Bier gibt es bei Frau Sühr“ verheißt es und schickt mich rechts über eine Schotterpiste auf den Plattenweg zur „Alten Schule“. Die Radlerherberge entpuppt sich als urgemütliches altes Gehöft, das sinnreich umgebaut wurde. Ein abschließbarer Schuppen für die treuen Drahtesel, ein Radverleih und ein kleines Ersatzteillager runden den Service im Hause von Petra Sühr ab. Ein kleines Ausstellungs- und Informationszentrum befasst sich auch hier mit der Geschichte der Grenze und der Elbe.
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Jetzt habe ich nur noch ein paar Minuten vor mir. Während ich auf die Fähre in Neu Bleckede warte, lasse ich mir noch einmal die vielen Eindrücke durch den Kopf gehen. Und als ich auf der anderen Seite angekommen bin, fahre ich schnell noch mal ins Elbschloss – jetzt will ich doch noch mal den einen oder anderen Vogel genauer kennenlernen und mir die Sache mit dem Wasserstand und den Feuchtwiesen genauer ansehen.